Schattentheater – eine Geschichte


In einem abgebrannten Theater, mitten im "Dort", wohin selten ein Mensch gelangt, lebte eine Marionette mit ihren achtzig Schatten. Alles andere war bei der großen Feuersbrunst in Rauch und Asche aufgegangen. Der Marionette konnten die Flammen nichts anhaben, weil sie keine gewöhnliche Fadentänzerin war. Sie war die Königin der Schatten und nicht aus Holz oder sonst einem irdischen Stoff gemacht. Ihre eigentliche Natur war das Licht. Sie nahm nur menschliche Formen und Bewegungen an, um als Botschafterin für die Angelegenheiten von Licht und Schatten in Erscheinung zu treten.

Jedoch waren die Menschen, denen ihre Botschaft gegolten hätte, seit dem großen Feuer vor achtzig Jahren - oder waren es achthundert Jahre - nicht mehr gekommen. Wildnis nahm sich der Stätte an. Um die Ruine des ehemaligen Lustspielhauses packte ein gieriger Urwald mit kräftigen Armen nach den Überresten von alledem, was Menschen dort errichtet hatten. Zerbröckelnde Straßen, eingestürzte Häuser, umgeknickte Strommasten, Telefonhäuschen in denen wunderliche Blumen wuchsen... alles, was an die einstige Siedlung und das Theater erinnerte, wurde vom Wald geschluckt.

Nur dort, wo die Bühne war, wuchs aus unerklärlichen Gründen nicht einmal Moos. Auf dieser rechteckigen Lichtung lebte die Marionette mit ihren Schatten und wartete auf die Abgesandten der Menschen, die ihre Botschaft empfangen sollten. Über die Jahre war es zunächst den Schatten, dann auch der Marionette langweilig geworden auf Menschen zu warten die ja doch nie kommen würden. Und wenn, dann höchstens, um den Wald zu roden und einen Flugplatz oder eine Raketenabschussrampe zu bauen ohne dabei auf irgend welche Schatten oder derlei Kleinzeug zu achten.

"Nutzen wir unsere Freiheit" sagte ein besonders unruhiger Schatten, "und spielen wir Theater."
"So wie früher!" riefen ein paar kleine Schatten, die gerade erst von der sinkenden Abendsonne geboren worden waren und von einem "Früher" gar keine Ahnung haben konnten.
"Ja!" sagte die Marionette und überprüfte die Geschmeidigkeit ihrer Bewegungen in den letzten Strahlen des vergehenden Tages. "Wir wollen dem Wald ein Spiel mit Licht und Schatten bieten und es so lange wiederholen, bis der Wald es selbst begreift und in sein Wesen aufnimmt. Dann können wir getrost diesen Ort verlassen und uns neue Ufer suchen..."
"Was ist ein Ufer?" fragten die neu geborenen Schatten und hüpften nervös auf der Stelle.
"So was ähnliches wie Theater!" behaupteten ein paar alte Schatten, die zwar eben so wenig Ahnung hatten, was ein Ufer sei, es jedoch gegenüber den Jungen nicht zugeben wollten.

So kam es, dass die Marionette und ihre Schatten dem rings um die Bühnenfläche stehenden Wald eine Choreographie von Licht und Schatten darbot. Täglich wiederholten sie das Spiel bis der Wald alle Bewegungen und Nuancen in sich aufgenommen hatte und jederzeit bereit war, das Stück selbst aufzuführen und zwar in jedem seiner Winkel...

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